Forum für Ethik in der globalen Gesundheit Webinar 11: MPOX, Bioethik und LGBTQI+
Eine umfassende Zusammenfassung der Veranstaltung des Forums für Ethik in der globalen Gesundheit an der Universität Zürich über LGBTQI+-Stigmatisierung und gesundheitliche Ungleichheit.
Introduction
Im November 2022 veranstaltete das Forum für Ethik in der globalen Gesundheit ein Online-Event, um über LGBTQI+-Stigmatisierung, die breiteren Themen der gesundheitlichen Ungleichheit und Bioethik im Zuge des Monkeypox-Ausbruchs (MPOX) zu diskutieren. Das Forum ist ein Outreach-Projekt des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich (ein Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation für Bioethik). Das Forum für Ethik in der globalen Gesundheit und das Swiss Medical Weekly organisieren gemeinsam eine Webinar-Reihe.
Über die direkten Auswirkungen von MPOX auf die LGBTQI+-Gemeinschaft hinaus präsentierten die Referenten jeweils ein Hauptanliegen der globalen Gesundheitsreaktion auf Epidemien, die sich auf logistische und koordinative Herausforderungen sowie auf Fragen der Diskriminierung und Gesundheitskommunikation im Allgemeinen bezogen. Diese Schlüsselthemen betrafen Stigmatisierung, historisches Misstrauen innerhalb marginalisierter Gemeinschaften und normativ die Frage, wie Akteure neben Gemeinschaften und Behörden zur politischen Reaktion beitragen sollten.
Das Webinar wurde von Nikola Biller-Andorno und Tania Manríquez Roa (Universität Zürich, Schweiz) moderiert. Die internationalen Experten waren Cleiton Euzébio de Lima (Gemeinsames Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids), Julian März (Universität Zürich, Schweiz), Stephen Molldrem (University of Texas Medical Branch, USA) und Carla Saenz (Panamerikanische Gesundheitsorganisation, PAHO).
Aktuelle Situation des MPOX-Ausbruchs und Ungleichheiten
Wie Cleiton Euzébio de Lima unterstrich, hat MPOX einen enormen Einfluss auf die aktuelle Gesundheitssituation. Es wurden mehr als 77.000 bestätigte Fälle und 36 Todesfälle im Zusammenhang mit MPOX in 109 Ländern gemeldet (Stand 27. Okt. 2022). In den früheren Phasen des Ausbruchs lag der weltweite Fokus hauptsächlich auf der WHO-Region Europa, hat sich nun aber auf die WHO-Region Amerika verlagert. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, wurde in der Region Amerika ein höherer Anteil an Fällen verzeichnet als in der europäischen Region.
Betrachtet man die Personen, bei denen MPOX diagnostiziert wurde und die Angaben zu ihrer sexuellen Orientierung machten, identifizierten sich über 87 % als schwul, bisexuell oder andere Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Darüber hinaus wurde die Exposition am häufigsten in einem Party-Setting mit sexuellem Kontakt gemeldet (ca. 43 % der gemeldeten Expositionsumgebungen). Hinzu kommt eine hohe Rate an Co-Infektionen (ca. 49 %) mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV).
Ungleichheiten bestehen sowohl auf nationaler Ebene, entlang ethnischer und sexueller Linien (laut von Stephen Molldrem präsentierten CDC-Daten sind Afroamerikaner und Latinos im Anteil der neuen MPOX-Fälle überrepräsentiert), als auch auf globaler Ebene im Hinblick auf den Fokus auf den globalen Norden trotz der Bedürfnisse des globalen Südens.
Lehren aus der Vergangenheit und die Bedeutung von Patientenerfahrungen
Cleiton Euzébio de Lima konzentrierte sich auf Lehren aus der HIV/AIDS-Antwort und machte deutlich, dass bestehende Vorurteile und Stigmatisierung gegenüber Mitgliedern der LGBTQI+-Gemeinschaft die Patienten in vielerlei Hinsicht beeinflussen. Stigmatisierung kann beispielsweise dazu führen, dass Menschen mit Symptomen ihre Anzeichen einer Krankheit verbergen, anstatt einen Arzt aufzusuchen. Daher schlägt Euzébio de Lima einen menschenrechtlichen Ansatz vor, um politische Entscheidungsträger bei der Erstellung von Gesetzen zu unterstützen, die Patienten stärken und schützen.
Um solch wichtige Einblicke in das Leben, die Emotionen und Gedanken der Patienten während des MPOX-Ausbruchs zu gewinnen, stellte Julian März das Projekt DIPEx („Database of Individual Patients’ Experiences“) vor. Die DIPEx-Methodik ist eine international anerkannte Methode zur rigorosen und systematischen Erhebung, Analyse und Verbreitung maximal heterogener Gesundheits- und Gesundheitsversorgungserfahrungen.
Ethische Herausforderungen in der Politikgestaltung
Ein zentraler Diskussionspunkt war auch, wie Bioethik in die politische Entscheidungsfindung als Reaktion auf Ausbrüche integriert werden könnte und sollte. Julian März hob zwei Hauptthemen hervor: erstens ethische Überlegungen zur Gesundheitskommunikation (Benennung, Sprachfragen, Anpassung an den sozialen Kontext) und zweitens den Zugang zur Gesundheitsversorgung (stigmatisierungsfreie Wege zu Impfungen und Diagnostik).
Carla Saenz unterstrich die Pflicht verschiedener Akteure, sicherzustellen, dass Ungleichheiten und diskriminierende Praktiken durch die Gesundheitsantwort nicht verschärft werden. Ethisch zu kommunizieren ist eine moralische Pflicht, die einen Raum für ein Vokabular der Ethik des öffentlichen Gesundheitswesens schafft, das sich von der rechtlichen und medizinischen Sprache unterscheidet.
Q&A und Abschluss
Die anschließende Diskussion und das Q&A spiegelten die vom Expertenpanel präsentierten Anliegen wider:
- Der Umgang mit schwierigen rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen Homosexualität kriminalisiert wird, erfordert die Zusammenarbeit mit Verbündeten in den Gemeinschaften, um Antworten zu entwickeln, die keinen weiteren Schaden anrichten.
- Vertrauen und Zusammenarbeit müssen gefördert werden, wobei ethische Richtlinien auch in technischen Diskussionen beachtet werden sollten (z. B. WHO-Ethikrichtlinien zur Überwachung der öffentlichen Gesundheit).
- Jeder Akteur auf verschiedenen Ebenen hat die Verantwortung, Herausforderungen für das allgemeine Wohlergehen und die Gesellschaft anzugehen.
Obwohl es wichtig ist, die Epidemiologien verschiedener Ausbrüche nicht gleichzusetzen – ob HIV, COVID-19 oder MPOX – besteht bei jedem Anlass die Möglichkeit und die Notwendigkeit, aus Fehlern in Bezug auf Kommunikation, Politikformulierung und Diskurs zu lernen.